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Brief 13
Lieber Theo,
gestern war Sonntag und ich habe etwas erlebt, dass man nur sonntags in Paris erleben kann.
Irgendwann werde ich wohl dazu kommen, dir zu erzählen, was ich erlebt habe, aber erst mal muss ich ein paar (hunderte) Worte generell zum Pariser Sonntag loswerden.
Der Sonntag verwandelt Paris. Am Sonntag scheinen die Pariser sich daran zu erinnern, in welch schöner Stadt sie leben. Laufen sie von Montag bis Samstag durch die Straßen mit gesenktem Kopf, dem Blick auf die Uhr und mit Gedanken bei der Arbeit, den Pflichten, den Kindern, dem Einkauf, versuchen sie am Sonntag das nachzuholen, was sie sonst vernachlässigen. Ich habe das Gefühl, dass die Pariser ein sonntägliches Abhängen, ein faules Zuhause bleiben und trautes-Heim-Feiern nicht kennen.
Ich beschreibe jetzt mal den grundsätzlichen Tagesablauf des Parisers am Sonntag (Achtung: hier wimmelt es natürlich vor Verallgemeinerungen. Es gibt natürlich immer noch eine Menge Menschen, auf die meine Beschreibung nicht zutrifft): Erst mal wird natürlich ausgeschlafen, nicht ewig lang, denn man will ja was von seinem Sonntag haben. So gegen elf sind die meisten auf den Beinen und nicht selten bereits beim Bäcker oder auf einem Markt anzutreffen. Diese Gänge begleitet der Pariser auch am Sonntag gerne mit einem Besuch im Café. Allerdings hat sich das am Sonntag auch verändert. Sonntags ist hier „Familientag“. Wo sonst hauptsächlich Männer an der Theke lehnen und Zeitung lesen oder diskutieren, ist die Bar am Sonntag auch von Frauen besucht, die ihre Männer begleiten, oder es findet sich sogar die ganze Familie zu Café, Chocolat Chaud (heißem Kakao) und Croissants ein.
Übrigens, an dieser Stelle will ich dir ein französisches Gewußt-wie mitteilen, dass mir und meinem Portemonnaie schon oft Freude bereitet hat: Wenn du in einem Café ein Getränk einnimmst, hast du in aller Regel das Recht, ein mitgebrachtes Gebäckstück oder sogar ein belegtes Baguette, das du vorher in einer Bäckerei gekauft hast, zu verzehren. Allerdings gilt das eigentlich nur dort, wo nicht Sandwiches auf der Karte stehen. Das ist jedoch in vielen Brasserien nicht der Fall. Also eine prima Variante, ein preiswertes Mittagessen oder Frühstück im Sitzen bei einem warmen Kaffee einzunehmen.
Zurück zum Pariser Sonntag: Wenn PariserIn also entweder allein oder mit Familie den morgendlichen Bummel im Viertel hinter sich gebracht hat, geht es entweder heim zum Kochen der frischen Zutaten, oder man gönnt sich ein Mittagessen in einem Restaurant. Das gute Essen, was ja in Frankreich allerorts einen hohen Stellenwert hat, gehört am Sonntag auf jeden Fall zum Genussprogramm. Nach dem Mittagessen und einem kurzen Ausruhen kommt „la petite promenade du dimanche“, der kleine Sonntagsspaziergang. Der kann die Pariser gerne in ein Museum, eine Ausstellung, eine Veranstaltung, wie ein Konzert oder ein (Kinder-) Theater führen, oder einfach in einem der überfüllten Parks stattfinden.
Auch die Seine ist ein beliebtes Ziel für die „petite promenade“. Was es natürlich in Paris nicht gibt, ist unser deutsches „Kaffee und Kuchen“(was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, was zu Mittag bereits alles im Bauch verschwand). Ein befreundeter Franzose, der seit Jahren mit einer Deutschen verheiratet ist und am Bodensee lebt, erzählte mir einmal, er könnte sich einfach nicht mit dem Kaffeekränzchen am Sonntag anfreunden. Er findet, dass reiße den Nachmittag so auseinander. Dann muß man zu den Schwiegereltern fahren, schlechten Filterkaffee trinken und fette Torte essen. Ich frage mich aber, wer zelebriert in Deutschland noch den Vier-Uhr-Kaffee? Meine Großeltern selbstverständlich, und das sogar jeden Tag, meine Eltern bringen Sonntags auch gerne mal einen Kuchen auf den Tisch, aber das kommt mir weniger wie eine strenge deutsche Einhaltung immer dagewesener Sitten vor, als vielmehr wie ein liebgewonnenes Ritual.
In Frankreich jedenfalls gibt es selten Torte. Kuchen oder süße Gebäckstücke gibt es hier zum Dessert. Das kann in Form einer Tarte (dünner Hefe- oder Blätterteigboden mit Früchten bedeckt, hm!) oder einer kleinen Sünde im sahnigen Kleid, auf dem Teller liegen.
Dieses Dessert kauft der Pariser morgens beim Baguettekaufen. Das ist in den kleinen hübschen Kartons drin, die die Menschen sonntags morgens mit sich führen.
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Ich bin eigentlich sehr begeistert von der Art, wie die Franzosen ihre Mahlzeit einnehmen. Ich meine nun nicht die Art, wie sie ihr Croissant in den Kaffee tunken und ihnen beim Abbeißen die Flüssigkeit das Kinn hinunter läuft. Es ist auch nichts Außergewöhnliches dabei, wie sie auf der Straße ein Sandwich oder einen Crêpe verschlingen- ja, das gibt es bei dem Gourmets auch. Sondern ich meine die übliche Form, mit der sie eine Mahlzeit, meist ein mehrgängiges Menü einnehmen und meist gemeinsam mit Freunden oder Familie zelebrieren.
Wenn du zu einem „Diner entre amis“- einem Abendessen unter Freunden eingeladen wirst, kannst du dich freuen. Ich genieße diese Abende sehr. Sie beginnen mit dem obligatorischen Apéritif. In jeder französischen Wohnung findet sich irgendwo ein Fleckchen Bar. Das kann eine vorzeigbare, bestens ausgerüstete Bar mit Kühlschrank, Theke und Barhocker sein, ist aber in den meisten Fällen eine Nische im Schrank, wo sich ein paar Flaschen Hochprozentiges (Pastis, Whiskey und Portwein sind die Standards) und Knabbereien befinden. Der „Apéro“ kann lange dauern, und oft ist man heilfroh, dass es auf den Alkohol endlich feste Nahrung gibt, sofern man vor lauter Knabberzeug nicht längst satt ist.
Das Menü besteht immer mindestens aus Vorspeise, Hauptgericht und Käse oder/ Dessert, meistens beidem (Entrée, Plat, Fromage, Dessert). So selbstverständlich, wie wir Kaffee zum Kuchen trinken, wird es bei Pierre, Paul und Jacques Brot und Wein zum Essen geben, und nach dem Essen café oder tisane (Kräutertee) angeboten werden. Für die einzelnen Mahlzeiten wird meistens bis zum Dessert der gleiche Teller benutzt. Man hat ja das Brot, um den Teller von Saucenresten etc. zu säubern und für den nächsten Gang herauszuputzen.
Meistens gibt es zum gesamten Essen einen Rotwein, der gerne mal vom Hausherrn aus dem Keller geholt und stolz angepriesen wird. (Leitungs-) Wasser steht immer auf dem Tisch. Zum Nachtisch wird gerne eine Flasche Champagner entkorkt.
Wir halten die Franzosen ja gerne für ein dem Alkohol zugewandten Volk. Das stimmt auch. Alkohol ist oft dabei. Fast täglich sieht der Franzose eine Pfütze roten Wein. Aber bei der Pfütze bleibt es auch oft. Ich will sagen: Franzosen trinken häufig, aber viel weniger als wir. Wenn wir Deutschen eine Flasche aufmachen, ist es gleich beinahe ein Ereignis und wir schaffen es meistens, sie leer zu trinken. Die Franzosen schätzen ihr Glas zum Essen. Es gehört einfach dazu wie Messer und Gabel. Aber sie trinken sehr langsam und bedacht. Ich finde wirklich, wir könnten von ihrer Wertschätzung für Speis und Trank noch etwas lernen.
Nach dem Essen gibt es also noch Kaffee oder Tee, und wenn man sich dann vom Tisch erhebt, sind gut und gerne zwei/drei Stunden vergangen.
Die Gespräche, die beim Essen geführt werden, drehen sich auch meistens um das Essen. Wie gut es schmeckt! Wie es wurde, was es ist? Welche Varianten hat man davon schon gegessen? Pilzzeit, Spargelzeit, Erdbeersaison, ...que c’est bon!!
Eine Französin, die in Berlin die Wohnung mit mir teilte, hat beim gemeinsamen Essen mal zu mir gesagt:“ Wie kommt das nur, dass ihr Deutschen beim Essen über so viele Dinge redet, nur nicht über das Essen selber?“ Ich denke sehr oft an ihre erstaunte Frage und ich stelle seitdem erst fest, dass sie Recht hat. Wir sagen zwar oft, dass es gut schmeckt und machen dem Koch oder der Köchin Komplimente, aber das ist in der Regel schnell erledigt und dann spricht man wieder über dies und das.
Im umgekehrten Fall sagte ein Österreicher, der seit Jahren in Paris lebt, einmal zu mir:“ Die Franzosen machen aus jeder noch so banalen Aktion wie Brot kaufen eine Theaterinszenierung.“ Auch er hat nicht Unrecht. Die Franzosen mit ihrer Liebe zu ihrem Land und den guten Nahrungsmitteln, die dort gedeihen, machen aus Aktionen, die mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben, gerne ein Fest.
Ich würde sagen: Jeder soll tun, was ihm am meisten Spaß macht. Solange er sein Essen bewusst wahrnimmt und genießen kann, sind alle Ausgestaltungen erlaubt.
So, mein Lieber, der Brief ist schon so lang und der Sonntag immer noch nicht rum. Aber im nächsten Brief geht’s weiter, mit meiner schönen Sonntags-Episode.
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