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Brief 17

Lieber Theo,

 

Ich war ja für ein paar Tage Paris-flüchtig geworden, unfreiwillig bzw. nicht aus Flucht vor Paris, sondern aus Familientreue. Die Oma hatte Geburtstag und ich wollte ihr die Freude machen und mit dabei sein. War nett, aber es ist auch wieder sehr nett in meiner Wahlheimat zu sein. Bereits das Ankommen war schon sehr schön, und vermutlich auch irgendwie außergewöhnlich. Außergewöhnlich, weil ich denke, dass mir das bei einem Flug nach Frankfurt nicht passiert wäre.

Das Flugzeug war voll besetzt und ich wählte einen Platz neben einer Dame, die auch alleine unterwegs war. Während des Fluges redeten wir kaum, nur ein paar Höflichkeiten. Als es auf die Landung zuging wurden wir kommunikativer. Es ging natürlich los mit Kommentaren zum Wetter, der wohl meistgenutzten Eintrittskarte in ein Gespräch mit einer fremden Person. Wir gelangten dann aber schnell auf eine tiefere Ebene. Die Dame ist Französin und war zu Besuch bei ihrem Sohn, der in Berlin Musik studiert. Sie konnte auch gut deutsch und hin und wieder rutschten ihr auch englische Ausdrücke heraus. Sehr ungewöhnlich fand ich das für eine Französin. Sie erklärte mir, die Deutschkenntnisse kämen von ihrem deutschen Großvater und englisch spräche sie, weil ihr Mann Ire sei, und zuhause mit den Kindern stets englisch gesprochen worden sei. Ihre Tochter hätte es nach Marburg zum Studieren verschlagen. Eine wirkliche Seltenheit unter französischen Familien.

 

Die Dame heißt Geneviève und das passt zu ihr, denn sie wirkt genauso edel wie dieser Name klingt. Wir plaudern also und gelangen recht schnell ans Welt verbessern. Du weißt schon, wir bedauern die fehlende Menschlichkeit untereinander und bemängeln unsere Zurückhaltung zur Fröhlichkeit. Sofort stellt sich eine Wärme und Herzlichkeit zwischen uns ein, wir berühren uns am Arm beim Sprechen und bieten uns gegenseitig Bonbons und Zigaretten an.

Ich frage sie, während wir mit unseren Koffern durch die Flughafenhalle rollen, wie sie in die Stadt kommt. Sie sagt mir, sie nähme sich ein Taxi, Bus oder RER wären ihr zu anstrengend, sie will sich den Luxus gönnen. Sie müsse zum Gare de Lyon. Ob ich mit ihr fahren wolle, fragt sie. „Allez, je vous invite!“ Die Einladung nehme ich gerne an. Es gibt eine lange Schlange an der Taxihaltestelle, aber in guter Gesellschaft, die wir uns gegenseitig schenken vergeht die Wartezeit recht schnell.

 

Sie erzählt mir, dass sie auf dem Land wohnt, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Clermont-Ferrant. Es sei wunderbar wie ruhig und friedvoll sie dort mit ihrem Mann lebt. Hier merkst du wirklich, die Frau erzählt nicht irgendwelche Illusionen um ihr nicht wirklich vorhandenes Glück hervorzulocken, sondern sie ist Hans im Glück. Einfach, natürlich, leichte, freie Freude über die Blumen, die in ihrem Garten blühen, und die Nachbarn, die man ungezwungen, und nicht hinter der Gardine versteckt, an seinem Leben teilnehmen lässt. Ich kann sie mir vorstellen, wie sie mit einer Decke über den Beinen auf ihrem Terrassenstuhl sitzt und in einem Buch versinkt. Ich sehe sie vor mir wie sie lächelnd vom Markt heimkommt. In den Taschen hat sie Kirschen, Mirabellen, Käse und Baguette und im Herzen, die soeben ausgetauschten Gespräche mit den Menschen, die sie unterwegs getroffen hat.

 

Wir erreichen den Bahnhof, sie zahlt das Taxi und wir stehen da, vor der großen eisenbedachten Bahnhofshalle. Auf Französisch nennt man diesen Ort „Saal der sich verlierenden Schritte“. Das gefällt mir. Es klingt melancholisch und ein Bahnhof hat, wohl durch die vielen Abschiede, die man dort erlebt, auch etwas melancholisches.

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Genevièves Zug geht erst in einer Stunde. Sie sagt, ich müsse doch jetzt sicher weiter, ich würde doch erwartet. Nein, ich habe noch Lust die Stunde mit ihr zu verbringen. Sie freut sich und wir finden einen Ort, der zu diesem Moment, den wir als sehr reich und irgendwie edel empfinden, perfekt passt. Wir steigen die Treppe in der Bahnhofshalle hoch und stossen die Tür auf zum „Le Train Bleu“. Ein wunderschöner Speisesaal tut sich vor unseren Augen auf. Grosse, kunstvoll verzierte Fenster, ein kostbarer Fussboden und edle Gemälde an den Wänden und der Decke machen den Ruhm dieses alterwürdigen Restaurants aus. Eine Bahnhofsgaststätte ist das wirklich nicht.

 

Natürlich können wir uns hier nur einen petit café leisten, alles andere übersteigt die finanziellen Grenzen, die Menschen wir wir, sich für Ausgaben für Nahrungsmittel und Genuss setzen. Aber der Kaffee ist seinen Preis allemal wert, nicht weil er so hervorragend schmeckt, sondern weil er uns einfach eine Aufenthaltsgenehmigung an diesem schönen Ort bietet. So sehe ich übrigens oft die hohen Preise, die hier für Speisen und Getränke verlangt werden. Ich darf nicht in dem rechnen, was ich im Glas oder auf dem Teller habe. Ich zahle hier nicht nur vier Euro um ein Bier zu trinken, sondern habe dafür gleichzeitig Eintritt in einem wunderschönen Ambiente gezahlt. Das ist es mir wert.

Um uns herum wird Essen unter silbernen Gloschen serviert. Ganz schön schick, eigentlich zu viel schick für mich, aber in Paris verzeihe ich Hochmut. Vielleicht weil er hier angebracht ist. Wenn hier der Gast einen teuren Wein auswählt, empfinde ich es als passend, weil es mir vorkommt, als schätze er ihn tatsächlich.

In deutschen Großstädten habe ich manchmal das Gefühl, die Menschen bestellen ein teures Getränk, weil es ihnen dabei um Status und nicht um den Genuss geht. In Frankreich schwingt der Stolz, ein teures Lebensmittel zu verzehren auch mit, aber es ist Stolz auf das gute Essen, was man in ihrem Land bekommt und weniger stolz auf sich, weil man sich ein solches Essen leisten kann.

 

Ich habe mich oft gewundert, wie die Pariser in dieser teuren Stadt überleben. Und zwar nicht bei Wasser und Brot, sondern bei Champagner, Foie Gras und Baguette-Brot. Mehrmals habe ich nachgefragt, ob die Menschen, die in Paris arbeiten mehr verdienen, weil ja die Lebenshaltungskosten teurer sind. Die Leute erzählten mir, die Pariser verdienen nicht viel mehr, aber sie hätten einen Hang zum Schulden machen. Die Pariser sind ja Weltmeister im bargeldlosen Bezahlen, und ermöglichen sich dadurch, bis zu einem gewissen Limit, den allgemeinen Luxus des (mehrmals) wöchentlichen Restaurantbesuches mit hemmungslosem Genuss.

 

Man sieht die Franzosen ja tatsächlich täglich ins Restaurant oder Bistro rennen, aber falls du dich darüber wunderst, und dich nach der Finanzierung dieses Luxus fragst, so sollst du wissen, dass die meisten Arbeitnehmer in Frankreich über so genannte „Chèques Restaurant“ verfügen. Das ist eine Art französische Antwort auf unseren deutschen Bausparvertrag. Allerdings wir in Frankreich nicht das „Häuslebauen“ vom Chef unterstützt, sondern, wie sollte es anders sein im Land der Gourmets: die Ernährung. Die französischen Arbeitnehmer kaufen monatlich dieses Scheckheft, 30 Schecks zu je 6 Euro, von denen der Arbeitgeber 3 Euro übernimmt. In fast jedem Restaurant (oft ausgewiesen durch einen besonderen Aufkleber im Fenster) werden diese Schecks angenommen.

In Spanien gibt es dieses System übrigens auch und ich könnte mir denken, dass die Italiener das auch bei sich kennen.

Nun bin ich aber auf den silbernen Gloschen ausgerutscht und weit abgedriftet. Wir befanden uns doch im „Train Bleu“ und genossen Kaffee, Dekor und das frische Einvernehmen zwischen Geneviève und mir.

Das „Buffet de la Gare“ wie man die französische Bahnhofsgaststätte wohlklingend und appetitlich nennt, wurde 1900 eröffnet, zur Weltausstellung. Frankreich wollte vor seinen Besuchern protzen mit diesem prächtigen Restaurant, das einen bereits beim Ankommen am Bahnhof einen ersten Eindruck von der Stadt vermitteln sollte. 1963 wurde es wurde es erst „Le Train Bleu“ getauft, zu Ehren des Zuges „Paris-Vintimille“. Warum das so war, habe ich nicht herausfinden können.

 

Ich kann nur folgende Vermutung aufstellen: Vintimille ist eine italienische Stadt an der französischen Grenze. Zugverbindungen zwischen Paris und Vintimille gingen wohl vorwiegend über Nacht, Nacht ist dunkelblau- bleu also. Im Jahre 1928 veröffentlichte Agatha Christie einen Roman mit dem Titel „Le train bleu“. In diesem Roman will Hercule Poirot einige Wochen Ferien machen an der Côte d’Azur, die nicht weit entfernt vom Städtchen Vintimille liegt.

Wenn da mal nicht ein Zusammenhang besteht?!

 

So genug Miss Marple gespielt.

 

Unsere „blaue Stunde“ ist bald vorbei und ich begleite Geneviève zu ihrem Gleis. Wir umarmen uns, wünschen uns „Alles Gute“ und „Bon Courage“ und gehen lächelnd auseinander. Wir werden uns sicher nie mehr wieder sehen, aber ich lasse die Melancholie, die wieder mal in dieser Bahnhofsszene freiwird, nicht an mich heran, sondern freue mich lieber an dem erlebten Moment.

 

Ich winke.

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Stationen: Frankreich, Paris, Gare de Lyon, Train Bleu, Buffet de la Gare