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Brief 19
Lieber Theo,
Kommen wir mal zu einem Stadtflecken, den ich eigentlich gar nicht mag, zu dem es mich aber doch hin und wieder hinzieht: Dem Bereich zwischen Centre Pompidou und Les Halles.
Ich weiß nicht, wie man jemandem die Bauerlaubnis geben konnte für ein Bauwerk wie das Centre Pompidou. Ich finde es hat kein bisschen natürliche Schönheit. Irgendein Architekt wollte da wohl wieder mal zeigen, wie außergewöhnlich er ist und das Skurril in der Kunst weiterkommt ist ja allgegenwärtig. Ich finde die Idee an diesen Ort ein Museum mit integrierter Bibliothek zu setzen prima, aber die äußere Form des Baus passt doch gar nicht an die Stelle an der einst Gemüsehändler im Morgengrauen ihre Waren verkauften und sich nachher in den umliegenden Cafés stärkten.
Dennoch verschlägt es mich hier und da zu dem modernen Bau. Manchmal gehe ich hinein, in die Bibliothek, wenn die Schlange nicht so lang ist. (Am besten in den ersten zwei Stunden nach dem Öffnen, das ist in der Woche um 12h-außer Dienstag- und Samstag/ Sonntag um 10 Uhr). Es ist schön wenn man sich im Gebäude befindet, eine Zeitung oder ein Buch liest, oder einfach auf den Platz mit den vielen Touristen, Jongleuren, Musikanten, Portraitzeichnern guckt. Wenn ich mal Lust auf deutsches Fernsehen habe wird mir dort auch geholfen, denn es gibt dort viele Fernseher, die in allen erdenklichen Kanälen senden.
Ich war noch nie im Museum selber drin, aber schlendere gerne durch die Vorhalle. Dann setze ich mich oben auf die Galerie und beobachte oder ich gönne mir dabei einen Kaffee im Selbstbedienungscafé. Ich gucke mir auch gerne die Künstler und ihre Werke an, während ich die Bücher durchblättere, die es im Museumsshop gibt. Da sind so viele Menschen drin, da fällt nicht auf, wenn ich lange lesend und nicht-kaufend verweile.
Sonntags käme ich nie auf die Idee mir eine Ausstellung dort anzuschauen, denn es scheint ein beliebter Sonntagsausflug zu sein. Sobald es eine interessante oder angesagte Ausstellung gibt, schlängeln sich die Menschen in langen Warteschlangen vor dem Eingang.
Aber ich halte mich auch gerne vor dem Centre Pompidou auf. Es gibt da den Platz mit dem Brunnen, in dem die bunten Figuren sich drehen. Direkt davor gibt es einige Restaurants. Eines ist eine Crêperie, die sehr gemütlich ist, sehr lecker und auch sehr preiswert (es gibt schon Crêpes/ Galettes ab 2 Euro.
Kleine Crêperie-Kunde: Ein französischer Pfannkuchen nennt sich nur dann Crêpe, wenn er aus hellem Teig gemacht ist und eine süße Füllung hat (Konfitüre, Schokolade, Grand Marnier, Kokosflocken, Zitrone und Honig, süße Apfelspalten, Eiscreme, Sahne). Wenn er aus einem kompakteren, dunkleren Teig gemacht ist, und eine herzhafte Füllung besitzt, spricht man von einem Galette. Die herzhaften Füllungen fangen traditionell mit salziger Butter, Käse, Schinken und Ei an, und werden dann je nach Restaurant spannend. Da gibt es Füllungen aus Spinat und Käse, Hackfleisch und Gemüse, Gorgonzola und Nüssen und ganz vielen anderen köstlichen Sachen.
Hätte ich Kinder, ich würde in Paris fast ausschließlich in Crêperien einkehren. Das mögen die Kinder, die Portionen sind kindertauglich und es ist meistens sehr günstig.
Wenn ich Lust habe, mich vor dem Centre Pompidou aufzuhalten, aber nicht mittendrin sein möchte im Gewimmel der Menschen, habe ich einen perfekten Ort gefunden: Auf Straßenebene ist mein Ort als Geschäft getarnt und heißt: „Images de Demain“- „Bilder von morgen“. Hier gibt es Postkarten und Poster, aber auch schöne Kladden und Tagebücher, dekorative Schreibwaren, Kunstbücher, Bilder und Rahmen, „pariserische“ Dekorationen für das Touristen-Portemonnaie gemacht und noch einiges mehr. Als ich zum ersten Mal in dem Laden war, wurde ich wirklich nur durch die schönen Waren angelockt, bis ich im ersten Stock, von wo aus man auf einer Galerie nach unten schauen kann, auch einen Salon de Thé entdeckte. Hier ist es wirklich ganz ruhig. Kaum jemand hat auf den grünlichen, auf antik gemachten Stühlen Platz genommen. Dabei ist es wirklich eine kleine Oase, umgeben von den schönen Dekorationen des Ladens, mit Blick auf das Centre Pompidou.
„Salon de Thé“ heißen mittlerweile viele Orte, die wir früher Café nannten und auch heute noch nennen würden. Was macht also das Café zum Salon de Thé. Ist doch klar, würdest du meinen, im Salon de Thé gibt es, wie der Name es bereits verrät, schwerpunktmäßig Tee zu trinken. Damit hast du Recht. Auf der Karte eines Salon de Thé finden sich eine grosse Auswahl unterschiedlichster Teesorten.
Vorsicht übrigens, wenn Du in Frankreich einen thé verlangst und Dich, wie du es von dem Wunsch nach Tee erwartest, irgendein aufgebrühtes Heißgetränk erwartest, wirst du in Frankreich immer schwarzen Tee serviert bekommen. Alles was hier nicht schwarzer Tee ist, heißt „infusion“. Klingt nach Medizin, was ja auch manchen Teeverächtern als durchaus angemessene Bezeichnung erscheinen mag. Wenn du aber ein Freund von Tee bist und gerne mal einen grünen-, Früchte-, Kräutertee trinkst, dann solltest du eine Infusion bestellen.
Ich hatte dir die kleine Tee-Lektion schon einmal erteilt. Ich habe sie jetzt trotzdem noch einmal wiederholt, weil sie so gut hierher, in den Salon de Thé, passte.
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Das, was zwischen Centre Pompidou und Les Halles liegt, ist nicht nach meinem Geschmack. Ich verstehe, dass Touristen sich hier gerne aufhalten, denn zum Shopping findet man hier eine Menge. Allerdings sind die Klamottenläden hier eher gemacht für die Pariser Vorstadtjugend. Das sind zum Beispiel gerade dicke Kaputzensweatshirts, Tops in rosa oder bleu mit und ohne Glitzer, Turnschuhe en masse, Hosen in XXXL für den jungen Mann und Jeans mit Strass für das junge Fräulein. Es gibt auch einige Läden mit Secondhand-Klamotten, die aber nicht sehr ausgefallen sind sondern eher die üblichen Lederjacken und alten Levisjeans anbieten.
Ganz besonders stört mich an dieser Gegend ihre Stimmung. Vielleicht liegt es daran, dass der Konsumhunger die Menschen hier so unsympathisch macht. Es liegt aber auch an der Art Menschen, die sich dort aufhalten. Les Halles ist zum Treffpunkt der „Banlieusards“- der Vorstadtjugend geworden. Ich glaube, würde ich mal in die Gelegenheit kommen, mich mit einem von ihnen alleine zu unterhalten, könnte es sogar sehr nett werden. Aber in dieser anonymen Situation, in der wir uns auf den Geschäftsstraßen rund um Metro Chatelet/ Les Halles befinden, umringt von ihren Freunden, haben wir kaum die Chance zu erkennen, dass wir hier und da nette Gemeinsamkeiten haben.
Niemand der Pariser, die ich kenne, geht gerne zu „Les Halles“. Die Älteren, die diesen Ort noch von früher kennen, als dort noch der „Bauch von Paris“, die alte Markthalle, stand, trauern der früheren Atmosphäre nach. Ich hätte diesen Ort gerne erlebt. Ich hätte es fast schaffen können, denn die Markthallen sind erst 1968 abgerissen worden. Auf alten Photos zum Beispiel von Robert Doisneau, dem „Photographen der kleinen Leute“, kann man den Menschen zuschauen, wie sie hinter ihren Gemüsekarren stehen und sich die Stimme heiser zu schreien scheinen.
Robert Doisneau, das ist ein Mensch, der mich in Paris oft begleitet. Er ist schon eine Weile tot, aber seine Photos tauchen immer wieder irgendwo auf. Eines kennst du bestimmt auch: Das berühmte Bild „Baiser devant l’Hotel de Ville“- der „Kuß vor dem Rathaus“. Es ist ein gerne genommenes Poster-Motiv. Seine Photos zeigen das Paris von früher, zeigen vor allem die Menschen, die am Stadtrand von Paris leben. Er hatte besonderen Gefallen daran Arbeiter zu photographieren. Aber auch Kinder beim Spielen auf der Straße oder einfach Momente, die er aufschnappte.
Für mich tragen seine Bilder eindeutig den Geruch von Paris. Wenn ich seine Augen-Blicke betrachte, werde ich daran erinnert genauer hinzuschauen. Überall lohnt es sich inne zu halten und bewusst seine Umwelt wahrzunehmen, aber in Paris empfinde ich dieses Langsamwerden und Hin- und Dahintergucken als besonders fruchtbar. Vielleicht weil die Motive in diesem wunderschönen Pariser Rahmen stecken, der sie umrundet und ihnen dieses Paris-Flair gibt. Warum diese Kulisse alles so aufwertet, warum hier ein simples Werbeschild an einer Pariser Hauswand so viel wertvoller aussieht, als es dieses an einer deutschen Wand täte, warum der hundertmal herunter gefallene Aschenbecher so charmant ist, warum ich ein Messingschild kaufe, auf dem „Toilettes“ steht, kann ich mir nicht erklären. Warum klingt „Café“ schöner als „Kaffee“ und sieht auch schöner aus? Warum bin ich so voll von dieser Stadt, dass ich jede Woche drei Briefe an Dich schreiben muss, um mich auszuschütten?
Verstehst du das?
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