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Brief 22
Lieber Theo,
Der Tag mit dem Photographen hat mich daran erinnert, wie schön es ist mit einer Kamera durch Paris zu laufen. Die Kamera fordert mich dazu auf bewusst hinzuschauen, ein Haus empor, in ein Fenster hinein, in ein Menschengesicht oder seiner Geste, zu einem Baum oder seinem Schatten, zu einer weggeworfenen Sandwichtüte oder dem Hund, der daran schnüffelt.
Der Photoapparat ermahnt mich langsam zu gehen, und mich für jeden Eindruck zu öffnen. Hätte ich die Schönheit der Szene, als der Mann der Nonne aus der alten Ente hilft, überhaupt gemerkt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, nach Motiven Ausschau zu halten?
Vermutlich wären mir auch die drei Geschäftsleute nicht aufgefallen, die sich am Ufer des Kanals, genau vor der Café-Terrasse des MK2-Kinos und den Augen vieler, in Pose stellten, um von ihrem Kollegen mit dem Handy photographiert zu werden.
Ich hänge mir meinen Photoapparat um und verlasse das Haus. Gott sei Dank ist schönes Wetter. Paris gibt zwar auch bei Regen, Sturm und grauem Wolkenschleier immer noch ein gutes Modell ab und schafft es, das Trübsal des Wetters in fotogene Melancholie zu verwandeln, aber ich bin leider ein verweichlichtes Mädchen und lasse mir zu schnell vom Wetter die Laune verderben. Wenn mir kalt ist kann ich leider nicht mehr langsam gehen und hochschauen wenn mir dort die Regentropfen ins Gesicht prasseln. So weit reicht meine Liebe zur Photographie leider nicht.
Ich überlege mir wohin ich denn nun gehen soll. Entscheidend ist nicht an welchem Ort es die besten Motive geben mag, denn die gibt es überall in dieser Stadt, sondern entscheidend ist, auf welchen Ort ich Lust habe. Ich habe Lust auf den Kanal St. Martin (10.Arrondissement). Es ist schönes Wetter, aber weder Wochenende, noch Abend, so dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dort zwar Menschen anzutreffen, aber nicht zu viele. Denn samstags und sonntags sitzen am Ufer des Kanals, eine Menge junger Leute. Der Typ Student im höheren Semester oder Künstler, wenig Geld, Biertrinker und gesellig im Kreis seiner Freunde.
Ich saß natürlich auch schon da. Mehrmals. Meistens mit Julie. Sie wohnt ganz in der Nähe des Kanals und sie ist der Typ Künstler, der die nackten Füße über den Rand zum Wasser baumeln lässt, dabei eine Flasche Wein von zuhause und eine Plastikschachtel mit Sushi von ihrem Lieblingsjapaner (Sushi ist hier verhältnismäßig preiswert).
Am liebsten sitze ich auf der Höhe des legendären Hotel du Nord. Warum legendär? Dieses Hotel wurde 1938 zum Schauplatz des Filmes „Hotel du Nord“, von Marcel Carné gedreht. Damals war es in Paris ein Sensationsfilm und gilt heute noch als Kultfilm.
Kurze Inhaltsangabe: Ein junges Paar erscheint eines Abends im Hotel, als dort ein französisches Fressgelage stattfindet. Sie bekommen ein Zimmer, werden aber bald aufgeschreckt, von einem Feuer, das im Hotel ausbricht. Unabhängig von diesem Feuer, hatte das Paar vor, sich an diesem Abend in ihrem Hotelzimmer umzubringen.
Es gelingt aber nicht, der Mann haut ab und sie bleibt verletzt zurück. Die Hoteliers pflegen sie und bieten ihr, als sie wieder gesund ist, eine Stelle als Zimmermädchen an. Sie nimmt teil am Leben der Gäste, vor allem das seltsame Paar, gespielt von Arletty und Louis Jouvet, bringen ihrem Leben Veränderung (und bewirken wohl auch etwas im Kopf des Zuschauers).
Es wurde nie wirklich im Hotel du Nord gedreht. Man filmte alles im Studio, wo Hotel und Kanal rekonstruiert wurden. Dennoch ist das Hotel du Nord eine Pilgerstätte für Filmfreunde geblieben. Allerdings wirkt das Hotel heute wie ein ganz normales, recht schickes Hotel-Restaurant, dessen Besonderheit für mich nur darin liegt, dass es den schönen Platz vor der Drehbrücke (Le Pont Tournant) am Kanal hat.
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Ich komme also, Photoapparat um den Hals die Rue de Belleville hinunter und biege am Mc Donalds nach rechts und bin am Kanal. Bin da, wo Amélie Poulain ihre Steinchen springen ließ. Im Fernsehen sieht es noch mal schöner aus, aber auch ohne den Ort durch eine Fernsehkamera zu sehen, ist er sehr schön. Man kann hier, wie Du ja schon weißt mit lieben Freunden picknicken, man kann sich in einer der Kneipen auch ein Getränk kaufen (z.B. in der Bar „Le Jemmapes“ am Quai de Jemmapes) und sich damit an den Rand des Kanals setzen.
Manche angeln hier auch, und Flaneure erfreuen sich daran, wenn hin und wieder ein Schiff vorbei kommt. Da hat man dann lange was von, denn das Schiff braucht eine Weile um die vielen Schleusen zu passieren, die zwischen dem Bassin de la Villette und der Rue du Foubourg du Temple liegen. An der Rue du Foubourg du Temple verschwindet der Kanal, und mit ihm das Schiff unter der Erde.
Man kann auch eine Bootstour auf einem dieser Schiffe machen. Das soll eine lohnenswerte Sache sein, da man hier nicht an den üblichen Orten vorbeifährt, wie es bei einer Bootsfahrt auf der Seine passiert, sondern man sieht Teile von Paris, die weniger bekannt sind und sogar ein unterirdisches Paris.
Die Schifffahrtsgesellschaft nennt sich „Canauxrama“. Die zwei Schiffe, die die Fahrt im Canal St. Martin übernehmen heißen Marcel Carné und Arletty… Wenn Du mich mal besuchen kommst, dann gönnen wir uns mal so eine Fahrt. Kostet zwar 14 Euro, aber dafür ist man auch zweieinhalb Stunden unterwegs.
Vom vielen Spazieren und Ausschau halten nach Motiven bin ich müde und durstig geworden und die Bar „Chez Prune“ sieht so einladend aus, das ich erstmal dort Platz nehme und mir einen „café et un verre d’eau“ gönne. (Das Glas Wasser gibt es auf Wunsch, manchmal auch ohne ihn ausgesprochen zu haben, gratis dazu.)
Ich mag diese Eckkneipe. Eigentlich ist es eher ein Restaurant, eine Bar und ein Café- ein Bistro eben. Mir gefällt der Platz, direkt am Kanal, wo man draußen sitzen kann. Aber noch lieber sitze ich drinnen und schaue dem Leben im Bistro zu, den Kellnern wie sie flitzen, dem Barmann, wie er einen Kaffee nach dem anderen durch die Maschine laufen läßt, lausche dabei gerne dem rasselnden Mahlen der Kaffee-bohnen und dem Brummen der Maschine, während der schwarze Kaffee langsam in die kleine Tasse fließt.
Vorherrschend in dem Gastraum ist die Farbe lila-bordeaux. Pflaume- so wie das Bistro eben heißt. „Bei Pflaume“- eigentlich ein merkwürdiger Name. Aber vermutlich ist nur meine wörtliche Übersetzung merkwürdig und „Prune“ ist vielleicht der Name der Besitzerin. Wenn es eine Prune gibt, hat sie ein Händchen für Einrichtung. Überall gibt es liebevolle Details und der wunderbare, bunte Fliesenboden gibt dem Raum seinen ganzen Charme.
Ich sitze gemütlich in der hinteren Ecke, wo ich alles beobachten kann. Es geht auf Mittag an, und die Tische um mich herum werden mit Tischset, Glas, Messer und Gabel für die hungrigen Gäste eingedeckt, die auch schon kurz nach zwölf peu à peu eintreffen. Gegen ein Uhr ist es so voll geworden, dass ich bedauernd meinen Platz räume, denn ich merke, dass ich hier Platz wegnehme, wo er für großzügige Esser benötigt wird.
Ich habe gelernt, dass ich, für meine Zwecke, die da wären, wenig zu konsumieren und viel zu schreiben, nicht um die Mittagszeit in ein Bistro gehen sollte. Mittags wird gegessen und nicht ein kleiner Kaffee getrunken, zwei Stunden lang. Die Kellner reagieren nach der ersten Stunde, vor allem wenn es sich zum Déjeuner, zum Mittagessen, füllt, mit immer wiederkehrenden Blicken zu mir, die scheinbar immer noch nichts weiteres bestellen will, und auch nicht den Wunsch in der Geste hat, zahlen zu wollen.
Das Zahlen eines kleinen Kaffees geht ganz simpel und ohne Gesten vonstatten. Sobald der Kellner den Kaffee an den Tisch bringt, hat er auch gleich die Rechnung dabei, die er unter die Tasse schiebt. Wenn ich dann irgendwann gehen will, lege ich einfach das Geld auf den Tisch und bin weg. Trinkgeld (ca. 10 Prozent wie bei uns), lege ich dazu.
Dies ist ein feststehendes Ritual, dass nur im seltenen Fall gebrochen wird, nämlich dann, wenn ich das Geld nicht passend habe. In dem Fall muss ich den Kellner heranrufen. (Übrigens auch dann lasse ich mir das Rückgeld ganz auszahlen und lasse das Trinkgeld auf dem Tisch oder Tresen liegen).
Franzosen haben aber immer Kleingeld in der Tasche. Greift die Hand des Franzosen in seine Hosentasche befindet sie sich in einer Grube von Münzen. Das ist für den Franzosen auch ganz wichtig. Schließlich erlangt er an der Bar dadurch seine Unabhängigkeit, denn meistens verweilt er ja nur kurze Zeit um seinen Kaffee runterzukippen und die Sportseite zu lesen und muss dann schnell weg zum nächsten Rendez-vous. Da wäre eine Wartezeit um beim Kellner bezahlen zu können sehr lästig. Außerdem wäre dem Franzosen ohne Münzen in der Tasche sein größtes Vergnügen genommen: das schnelle Spiel. Ein Rubbellos, ein Lottospiel mit Sofortziehung, oder eine kleine Pferdewette, das alles bedarf Kleingeld.
Ich glaube, die Münze wird von Franzosen als Geld nicht ernst genommen wird. Der Griff in die Hosentasche schmerzt längst nicht so wie der Griff ins Portemonnaie, dort wo die Scheine sind. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass zur Zeit der französischen Francs, Münzen ja wirklich nicht so einen hohen Wert hatten. Das höchste war die 10-Francs-Münze, was ungefähr 1,50 Euro entspricht.
Bevor ich Prune verlasse, mache ich ein paar Photos: der Tisch, an dem ich sitze mit seiner charmant schmutzigen Kaffeetasse, ein paar Tische aus der Kleinkindperspektive auf-genommen, so dass sie sich aneinander reihen wie Dominosteine. Ich würde auch gerne den Kellner aufnehmen, seine Hast und seinen überheblichen Blick, den er vor allem mir- Langzeitgast und Platzwegnehmer- gerne zuteil werden lässt, aber ich traue mich nicht.
Aber in deinem Kopf formt sich dennoch das Bild von ihm und von dieser hübschen Bar am Kanal, nicht wahr?
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Hotel Gotty Opera, Paris ***
Kleines, persönliches Hotel in zentraler, aber ruhiger Lage im 9. Arrondissement, nahe der großen Boulevards, zur Oper ca. 1 km, zur Métrostation "Cadet" ca. 100 m. Lift und kleiner Salon. 44 Zimmer mit Fön, Telefon, Minibar, TV und Safe.
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Stationen: Hotel du Nord, Rue de Belleville, Bassin de la Villette, Rue du Foubourg du Temple










