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Brief 23
Lieber Theo,
Was macht ein Pariser in seiner Freizeit? Dieser Frage bin ich mit Dir in unseren Briefen noch nicht durchgegangen.
Natürlich wissen wir, dass der Pariser viel arbeitet und das bisschen Zeit, daß ihm nach Feierabend und am Wochenende bleibt, gerne dafür nutzt in Restaurants zu gehen, auf dem Markt einzukaufen, Freunde einzuladen zu einem „Diner entre amis“ oder selber eingeladen zu werden und den Sonntagnachmittag gerne im Museum oder bei einer petite promenade ausklingen lässt.
Das sind natürlich nur die Durchschnittswerte, gemessen an dem, was dem beobachtenden Flaneur, mir, auffällt. Ich kenne auch einige Pariser, die aus diesem vereinfachten Schema rausfallen und ihren eigenen Tages- und Wochenablauf haben. Manche haben ungewöhnliche Hobbys, denn auch Paris hat ja in Sachen Freizeit-beschäftigung einiges zu bieten.
Generell machen die Pariser weniger Sport als wir. Ich sehe nicht so viele Fitnessstudios, höchst selten Sportplätze und die Parks, in denen die Menschen joggen sind zwar, vor allem am Sonntag und bei schönem Wetter gut gefüllt mit Läufern, aber da es davon nicht so viele gibt, gibt es in der Schlussrechnung wohl auch weniger Läufer.
Es ist einfach viel umständlicher in dieser Stadt sportlich zu sein. Wenn ich erst mit der Bahn zum Bois de Boulogne fahren muss, oder zu einem Sportplatz, der sich am Stadtrand befindet, dann habe ich doch schon keine Lust mehr.
Ganz praktisch sind Schwimmbäder, davon gibt es recht viele, allerdings gilt auch hier, wie für alles in Paris: Nie hingehen wenn die anderen frei haben. Nach Feierabend, sowie samstags und sonntags sind die Bäder übervoll.
Was immer mehr in Gang kommt in Paris, ist die Hinwendung zum Gesundheitssport und der Beschäftigung mit Natur, Körper, Seele. „Etre zen“ ist das Schlagwort. Die Menschen suchen Entspannung in alternativen Sportmöglichkeiten wie Yoga und Tai Chi. Wie bei uns auch, öffnen hier immer mehr Studios, die Kurse anbieten und in Parks sieht man häufig Menschen, die mit langsamen Tai Chi-Bewegungen, früh um sieben, den Tag beginnen.
„Etre zen“ hat natürlich auch Einfluss auf die Gastronomie. Man sieht immer mehr vegetarische Restaurants oder solche, die auf den Umgang mit biologischen Lebensmitteln Wert legen. Immer öfter entdecke ich auch Supermärkte, die Bio-Produkte verkaufen. Die sind natürlich teurer als bei uns, aber was ist in Paris nicht teurer!? Im Verhältnis zu den anderen Supermärkten liegen sie nur leicht über dem Preis.
Die Mairie de Paris, die Stadtverwaltung, bietet eine Menge Kurse an, mit einem Angebot wie wir es von der Volkshochschule kennen. Sie sind auch ähnlich günstig wie unsere VHS-Kurse. Allerdings muss man in Paris, wie so oft, bei der Anmeldung Geduld beweisen.
Ich wollte mich letztes Jahr für einen Nähkurs anmelden. Die Tage zur Anmeldung liegen in einem bestimmten, kurzen Zeitraum. Pariser erzählten mir, dass es nicht sicher sei, einen Platz in dem gewünschten Kurs zu bekommen. Der Andrang sei so groß. Je früher ich da sei, umso besser.
Ich stehe früh auf, um mir am ersten Tag, mit den ersten Frühaufstehern den Kurs zu sichern. Ich komme um halb acht zum Rathaus meines Arrondissements, wo bereits eine Menge Menschen stehen und das Gebäude umkreisen. Ich suche das Ende der Schlange und warte. Die Stimmung ist, trotz der frühen Uhrzeit und der bevorstehenden Wartezeit ganz gut.
Man wechselt ein paar Worte mit seinem Vorder- und Hintermann und freut sich über die Menschen, die nach einem kommen und mit dummem Gesicht, das Ende der Schlange suchen, so wie man es eben selbst getan hat. Schließlich nachdem ich artig meinen Bewerbungsbogen ausgefüllt habe, wo ich sogar den Grund angeben musste, weshalb ich gerade diesen Kurs besuchen möchte, bekam ich irgendwann einen Brief der Mairie, dass ich mich am 23. September zu einem Test zur Feststellung der bisherigen Fähigkeiten irgendwo einfinden soll. Dieser Brief kam am 25. September…
Du siehst, sich in Paris zu Aktivität zu bringen bedarf nicht nur der Überwindung des eigenen Schweinehundes, sondern auch noch der Überwindung bürokratischer Stolpersteine.
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Die Lieblingsbeschäftigung meines Mitbewohners Christian ist ins Kino zu gehen. Nicht sehr außergewöhnlich, findest du, zu Recht. Aber Christian hat da so ein Kinoverhalten, dass doch etwas ungewöhnlich ist und ich dir gerne erzählen möchte. Vielleicht sogar als Anregung, falls du ähnliche Vorlieben haben solltest.
Kino ist ja generell eine prima Sache für Ausländer in einem Land, dessen Sprache sie zwar gut sprechen, die aber möglichst oft gefordert werden soll, bis sie einem in Fleisch und Blut übergeht. Filme sind eine gute Gelegenheit, sich mit der Fremdsprache zu umgeben. Kino ist aber nicht billig. In Paris kostet die Vorstellung in der Regel um die acht Euro.
Nun kommt die List meines Mitbewohners ins Spiel: Er geht konsequent vormittags ins Kino. Da kostet eine Vorstellung nur um die fünf Euro. Er schaut sich den Film an, geht danach aufs Klo und huscht dann engels-unschuldig wieder in den Raum, oder in einen anderen und schaut sich den nächsten Film an.
Das geht nicht in jedem Kino. Voraussetzung ist, dass die Kinosäle sich beieinander befinden und man nicht mehr an der Kasse vorbei muss, um in die nächste Vorstellung zu gelangen. Allerdings ist es meistens so, dass die Kinos, vor allem die kleinen, ihre Säle nebeneinander im Keller liegen haben, so dass ein Wechsel während den Vorstellungen möglich ist.
Christian geht immer ins Kino MK2 am Centre Pompidou. Hier laufen außerdem sehr viele Filme, so dass er nie lange warten muss, bis der nächste Film beginnt.
Es gibt alles in Paris: Bowlingbahnen, Programmkinos, Kunsträume, buddhistische Tempel, Tanzflats, Hinterhofateliers, Gärtnereien und Baumschulen, Kleinkunstbühnen, Kellerproberäume,…. Ich habe nur den Eindruck in Paris muss man fünfmal hinschauen um sie zu finden.
Alles ist so voll, dass man den Überblick verliert. Vor lauter Menschen und Häusern und Reklame und Hauseingängen und Warteschlangen sieht man das einzelne Türschild , das Plakat, die Werbung nicht mehr.
Ich war irgendwann mal dabei mein Wochenende zu planen. Schaute dabei auf die Internetseite der Stadt Paris unter „Bon plans du Week-End“ und verzweifelte an dem Überangebot. An einem Tag fanden alleine fünf Sachen statt, die mich interessiert hätten. Je länger ich mich mit den Angeboten beschäftigte, umso unfähiger wurde ich, mich für eines zu entscheiden und hatte letztendlich total den Mut verloren und wollte am liebsten zuhause bleiben.
Ich jammerte einer Freundin mein Leid, sagte ihr: „ Es ist furchtbar, ich sehe vor lauter Bäume den Wald nicht mehr“. Daraufhin meinte sie: „Dann schau dir doch einen Baum ganz eingehend an, genieße ihn, dann hast du nicht das Gefühl etwas anderes verpasst zu haben.“
Ich finden diesen Rat ideal. Ideal für jeglichen Moment, den man in der Stadt Paris verbringt. Jeder Moment, jede Straße, in der ich mich befinde, jeden Blickwinkel, den ich gerade habe, der Mensch, der mir gerade begegnet, lohnt genau hinzuschauen und wahrzunehmen.
Streck die Arme immer nur nach dem aus, was du gerade greifen kannst, willst du zuviel, verlierst du das Einzelne.
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Stationen: Bois de Boulogne











