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Brief 5

Lieber Theo,

 

Ich habe auf den Stadtplan geguckt und da fiel mir auf, daß ich die Strecke bis zur Wohnung bei Christian, die ich mir heute angucken sollte, auch zu Fuß laufen könnte.

 

Ich ging also vom Place de la République aus Richtung Norden und nehme die Rue du Faubourg du Temple. Hier passiert eine Menge. Zuerst ist alles noch sehr französisch. Die sich ständig wiederholenden Bäckereien, Bars wie wir sie an jeder Strassenecke sehen, eine Papeterie, eine kleine preiswerte Modeboutique, dann gelange ich an eine Kreuzung.
Schaue ich ein Stück nach rechts, sehe ich den Canal St. Martin ( Du weißt schon, da wo Amélie immer ihre Steinchen geschmissen hat). Er kommt in einer leichten Linkskurve auf meine Kreuzung zu und verschwindet genau dort unter der Erde. ( Zu dem Canal erzähle ich Dir ein andermal mehr). Ich überquere die Kreuzung und den Boulevard Jules Ferry , lasse den Mc Donalds links liegen und gehe weiter meine Rue du Faubourg du Temple entlang. Sie hat sich verändert. Plötzlich ist alles dreckiger, die Geschäfte sind billig und bieten schrille, ebenso billige Klamotten an. Die Art von Klamotten die die jungen Ausländerinnen tragen, die sexy sein wollen, aber kein Geld dafür übrig haben. Alles ist in dieser Mode-Zeit rosa, hellblau, weiß und hat eine Menge Glitzer. Was nicht Billig-Mode-Laden ist, ist Billig-Shop, wo man nach dem Prinzip Alles-für-1-Euro einkaufen kann.
Die Häuser, die dazwischen noch frei sind, ( hier ist in jedem Haus ein Ladenlokal), sind Imbisse mit Halal ( koscherem Fleisch) und Bars, in die ich mich nicht hineintraue. In diesem Teil der Rue de Faubourg du Temple scheinen eindeutig die Nordafrikaner zuhause zu sein.

 

Sobald ich den Boulevard de Belleville erreicht habe und die Strasse Rue de Belleville heißt, ändert sich das Bild schon wieder. Hier betrete ich den asiatischen Kontinent. Geschäfte, über den große Schrifttafeln in chinesischer Schrift prangen, ebensolche Ein-Euro-Läden, in denen ich vom ABC-Pflaster, über Haarschmuck, Küchensieben, dem Transistorradio, bis zum Zeichenblock alles bekomme. Allerdings hier sind die Besitzer Chinesen, was zur Folge hat, daß hier chinesische Kling-Klong-Musik läuft und man zusätzlich zum Standardprogramm noch chinesische Küchenutensilien, Spielsachen oder meine geliebten China-Samtschühchen bekommt.

 

Natürlich fehlen hier auch die chinesischen Supermärkte nicht, aus denen dieser furchtbar sauere Geruch strömt, wo man allerdings tolle Dinge kaufen kann. Z.B. Jasmintee für ganz wenig Geld oder Cocos-Essig, hm lecker! Aber wenn Du ein echter China-Fan wärest, gingest du besser zu den „Frères Tang“, einer chinesischen Supermarktkette, die im südlichen 13. Arrondissement ganze Strassenzüge besitzt und man nicht mehr erkennt, daß man tatsächlich seine Füße noch auf französischem Boden hat. (Die nächste Metro-Haltestelle ist hier die Porte d’Ivry, dann einfach die Avenue d’Ivry ein kleines Stück stadteinwärts laufen und schon bist du inmitten von Chinesen, häßlichen Hochhäusern und den riesigen Supermärkten und echten Neonlicht-China-Kantinen).


Aber wir waren in der Rue de Belleville stehengeblieben. Ich bringe den asiatischen Teil der Strasse hinter mich, keuche (die Strasse geht bergauf) an einigen verheißungsvollen asiatischen Restaurants vorbei, von denen „Einheimische“ mir bereits vorgeschwärmt hatten. Ich halte kurz an, denn auf der rechten Strassenseite hängt ein Schild an einer Fassade und da steht doch tatsächlich: Hier wohnte Edith Piaf! Rue de Belleville, Nummer 72, wer hätte das gedacht.

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Ich erreiche die nächste Kreuzung. Hier kreuzt die Rue de Belleville die Rue des Pyrenées, eine mittelgroße, dunkle, weil Baumbestande und damit sehr sympathische Strasse. Ich überquere und folge meiner Bestimmung, immer den leichte Belleville-Hügel hinauf. Nun wird es wieder beschaulicher. Ich fühle mich wieder heimischer, also europäischer. Französische Bäckereien und Metzgereien und viele Obstgeschäfte geben mir ein Gefühl von Heimat und ich freue mich, denn ich hatte ein wenig Angst, daß meine eventuell neue Wohnstätte inmitten des asiatischen Kontinents liegen würde.

Du weißt, ich bin, außer daß ich gerne Jasmin-Tee trinke und meine Lieblingsschuhe die China-Pantöffelchen sind, kein Asien-Fan. Aber bis auf einige chinesische „Traiteurs“ bleibt es in dem oberen Teil der Rue de Belleville kaum noch asiatisch. Und gegen die Traiteurs hab ich auch gar nichts. In diesen Läden kann man sich ein chinesisches Gericht zusammenstellen. Es gibt da keine Überraschungen, alles ist sichtbar in der Theke und glänzt so appetitlich als sei es mit Fett-Spray eingesprüht worden. Für ca 5 Euro bekommt man ein gutes Essen und ich bin ganz besonderer Fan von „Riz cantonais“ ( kantonesischer Reis: Reis mit Erbsen, Ei und Schinken). Auch die Frühlingsrollen sind köstlich und für ca. 1,30 Euro echte Schnäppchen.

Die Strasse schlängelt sich leicht den Berg hinauf und wird immer schöner. Ich erreiche den Place de Jourdain. Thomas sagte mir am Telefon, es sähe dort aus wie auf dem Dorf. Unrecht hat er da nicht, denn durch die große Kirche und den Platz davor, die Cafés drum herum und die etwas aus dem Großstadtgewusel herausgehobene Lage, kommt es einem tatsächlich dörflicher vor.

 

Eigentlich brauche ich nun die Wohnung gar nicht mehr zu sehen, ich weiß jetzt schon, daß ich hier wohnen will. Das gute Gefühl ist aber tatsächlich noch zu überbieten. Als ich die grüne Holzpforte der genannten Hausnummer aufstoße, wenige Schritte von der Kirche entfernt, neben der Kaffee-Rösterei, wie Thomas mir verhieß, mache ich große Augen: Ein wunderschöner Innenhof, ca 50m lang, rechts und links zweistöckige Häuser in schöner, heller Farbe und Pflanzen!! Ich könnte mich auch in einer Gärtnerei befinden. Ich sehe, hier wohnen die nicht-frustrierten Franzosen. Die, die nicht schimpfen müssen auf die Stadt und den Staat, sondern die, die es sich in ihrem Heim schön machen wollen.


Geselliges Nachbarschaftsleben scheint hier gelebt zu werden, denn am hinteren Ende des Hofes steht, eingerahmt von wuchernden Kübelpflanzen drei Bänke um einen Tisch und darüber baumelt eine bunte Lichterkette.

Ich betrete die Wohnung, meine Begeisterung hält an. Ich würde es pariserischer Charme im unteren Einkommensverhältnis, gemischt mit deutschem Ordnungssinn, gepaart mit künstlerischer Verspieltheit nennen. Um es verständlicher zu machen: Die unteren Einkommensverhältnisse spiegeln sich in dem Bad wieder, durch das man muß, um in die Küche zu gelangen. Ebenso in den ungeraden Wänden, die mal wieder einen Anstrich benötigen und den zugigen Fenstern. Die deutsche Ordnung kennt jeder und die künstlerische Verspieltheit kommt zutage in selbstgeduckten Stoffen mit Insektenmotiven, Trödelmarkt-Kitsch, witzig in Szene gesetzt.
Mir gefällt’s und Thomas gefällt mir auch und ich ihm scheinbar auch, denn zwei Tage später ist seine Zusage da.

 

Tja, nun lebe ich also im 20.Arrondissement, genau an der Grenze übrigens. Die Rue de Belleville rechte Strassenhälfte gehört zum 20ten, die Linke zum 19ten.
Was es hier so alles zu gucken und erleben gibt erzähle ich dir im nächsten Brief.

 

Danke, daß ich Paris so herrlich mit Dir teilen kann!

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Stationen: Frankreich, Paris, Place de la Republique, Rue du Faubourg du Temple, Canal St. Martin, Boulevard Jules Ferry, Boulevard de Belleville, Rue de Belleville, Avenue d'Ivry, Rue des Pyrenées, Place de Jourdain